Mitten im Sommer, wir sind im Urlaub und ich bin schlagartig erwacht. Zu müde, um auf die Uhr zu sehen. Ich weiß, es ist noch sehr früh und noch keine Aufstehenszeit. Was ich auch weiß ist, heute haben wir etwas vor, dass mich mit Anspannung erfüllt. Leise suche ich nach Kopfhörern und lausche, was im Radio kommt. Der Wetterbericht gibt mir Hoffnung. Von bedecktem Himmel, leichten Schauern und einem teilweise Aufklaren ist die Rede. "Wenn es schlechtes Wetter wird, dann fliegen sie nicht, oder?" Ist das Hoffnung oder Vernunft, was da mein Bauchgefühl vermittelt. Es gelingt mir natürlich nicht, wieder einzuschlafen und so sehne ich den Zeitpunkt herbei, an dem Bianca und ich die Hunde auf die Enzianwiese schicken und uns zum Frühstück begeben. So früh ist noch alles ruhig in Saulgrub. Die Henkersmahlzeit schmeckt trotz leichtem Bauchgrimmen jedoch ganz gut. Wir stehen pünktlich, zum vereinbarten Termin, an der Stelle, an der wir abgeholt werden. Uwe heißt der junge Mann im Auto, dem wir diese kleine Ausfahrt verdanken. Er war früher beim Bund, kennt sich aus mit dem was wir da vor uns haben und hat sichtliches Vergnügen an meinem offensichtlichen Leiden. Bianca kennt keine Angst. Sie freut sich auf ihr Geburtstagsgeschenk und will wissen, wie das so abläuft und was uns erwartet. Uwe berichtet umfassend und seine Ausführungen fruchten. „Mitgehangen, mitgefangen“ denke ich und lasse mich damit auf das beeindruckenste Erlebnis meines Lebens ein. In einer kleinen Stadt wechseln wir PKW und Fahrer. Uwe wünscht uns Glück und ist weg. Geli fährt uns bis zum Ziel unserer Reise. Sie ist 67 Jahre alt, die Großmutter von Dieter, den wir bald kennen lernen sollen. „Ich beneide euch!“ sagt sie. „Ich habe das schon 13 mal selbst erlebt und komme nicht mehr los davon.“ Gegen halb Zehn kommen wir an. Es ist strahlender Sonnenschein. Bilderbuchwetter und ich habe keine Zeit für Appelle an Petrus Gnaden. Dieter und Alexander erwarten uns. Später kommen noch mehr Leute. Wir kriegen alles gezeigt. Die Kombination, Handschuhe, Kappe, Schutzbrille und den wichtigen Rest, an dem wir heute hängen werden, der große Rucksack mit Haupt-, Reserve- und Notfallschirm. Dieter beantwortet Fragen und erklärt alles ausführlich. Ich versuche zu scherzen: „Ich denke schon, dass wir heil landen werden, schließlich hängst du auch mit dran“. Diese Sprüche kennen sie hier auf dem Flughafen in Günzburg. Bei dem Wetter bieten sie das ganze Wochenende Tandemsprünge an. Mit blinden Leuten sind Dieter und Alex noch nicht gesprungen. Aber wo ist da eigentlich der Unterschied? Wir ziehen die Kombinationen und das andere Zeug an. Danach gibt es einige Trockenübungen, wie es läuft beim Absprung und dann bei der Landung.

Kein Problem, auch ich bin begeistert. Uwe sagte im Auto, dass aufgrund des guten Wetters und der Bedingungen auf dem Flughafen, die Maschine bis auf eine Höhe von 4 Kilometern steigen kann und wir ¬ darum beneidete er uns ¬ damit eine sehr lange Phase des freien Falles erleben würden. Bei einer Höhe von 4.000 m beträgt die Fallzeit eines ungebremsten Körpers von ca. 80 kg bei einer Geschwindigkeit von bis zu 200 km/h über 2 Minuten. Nun, wir werden etwa auf der Hälfte der Strecke bremsen und dann ganz gemütlich im Doppelpack landen, sagen die Tandemmaster und die müssen es schließlich wissen.
Fertig angezogen betreten wir den grünen Rasen und gehen zum Flugzeug hinüber.
Kann man eigentlich messen, wie hoch der Adrenalinspiegel eines Menschen ist? Ich denke nicht, ich fühle, bin intensiv bei der Sache und spüre deutlich, dass ich etwas Besonderem zustrebe. Der Pilot begrüßt uns und ich vergesse nachzufragen, um was für eine Maschine es sich handelt. Bin ganz weg, voll innerer Unruhe und Erwartung. Ich werde nicht enttäuscht.
Wir setzen uns in den Frachtraum seitlich mit dem Gesicht zur Luke hinter den Piloten auf den Boden des kleinen Flugzeuges. Alexander sitzt hinter Bianca und Dieter hinter mir. Letzterer hat das größere Paket zu schnüren. Und genau das tut er auch. Der Tandemmaster bindet sich den Partner ganz dicht vor den Bauch. Als ich denke, es ginge nicht noch enger, zieht der stählerne Mann in meinem Rücken die Seile noch einmal kräftig an und ich weiß, dass ich in sicheren Händen bin. So etwas verbindet fürs Leben.
Der Pilot hat das Okay für den Start. Es geht los. Mir ist warm, das wird sich aber bald ändern. Der Start verläuft erwartungsgemäß. Die beiden Doppelpacks sitzen eng nebeneinander und die Master bieten an, die Seitentür zu schließen. „Es zieht dann nicht so und wird dann nicht so kalt.“ Ich kann es Hören, das Grinsen der beiden.
In der Luft wird es richtig spannend. Der Pilot hat einen Vorschlag: „Kosmonautentraining, um das zu erleben, zahlen Manager einen Haufen Kohle.“ Warum nicht, wenn wir einmal dabei sind. Er bringt die Maschine auf 3.000 m und lässt sie absacken. Das Bauchgefühl ist überwältigend. Aufgrund des freien Falls, ist der Körper scheinbar schwerelos. Weil es uns so gut gefallen hat, führt er das Manöver gern noch einmal durch. Danach müssen wir erst einmal wieder Höhe gewinnen, damit das eigentliche Erlebnis beginnen kann.
Im Alptraum erlebt man den Sprung aus dem Stand oder das plötzliche Herausfallen aus dem Flugzeug als ein schreckliches körperliches Ereignis. Ganz anders in der Realität. Wir sitzen auf dem Boden der Kabine und die Kante ist eine Hand breit von meinen Füßen entfernt. Die Luke ist offen, die Höhe stimmt, ein leichter Ruck mit dem Hintern und ab geht es. Dieter und ich fallen zuerst, wie es sich gehört kopfüber in das Abenteuer. Alexander und Bianca folgen, von deren Ausstieg bekomme ich aber nichts mehr mit.

Was als erstes auffällt ist die Stille. Das Flugzeug über uns ist längst weg und wir rasen ungebremst auf Mutter Erde zu. Unglaublich, da ist nur die Luft, in die wir eintauchen. Luft die man mit den Händen greifen kann, die ins Gesicht schlägt, die sich in Mund und Nase presst. Wie Watte fühlt sie sich an und doch ist es nur Luft, die schneidend kalt ist. Nach kurzer Zeit fühle ich mich wie in einem Ozean, in den wir eintauchen. Ein Gefühl für die Geschwindigkeit habe ich nicht. Dieter und ich genießen es. Als ich mit ihm reden will, merke ich, dass er mich nicht rufen hört. Also brülle ich, was er in ähnlicher Form quittiert. Wir haben unendlichen Spaß dabei. Nach meinem Zeitempfinden kommt das Signal, dass wir die Bremse ziehen, viel zu schnell. Später meint Dieter: „Wir sind über 50 Sekunden auf 1.400 m Höhe gefallen.“ Gefühlt waren es bei mir weniger als 20 Sekunden eines Traumes, der unbeschreiblich ist in seiner Schönheit und Prägnanz. Ich lege die Hände an die Seile, an die ich sie legen soll und warte. Auf einmal reißt etwas kräftig, für mich schmerzfrei am Schritt meiner Hose. Jetzt ist alles anders. Wir sitzen aufrecht in der Luft, kein Sturm schlägt ins Gesicht und wir hören, ganz weit unten erste Geräusche. Dieter erklärt mir, wie der Fallschirm zu steuern ist. Ich kriege die beiden Steuerseile in die Hände und probiere es aus. Zieht man beide nach unten, fallen wir schneller. Hebt man sie an, so verlangsamt sich die Fahrt. Bewegt man die Seite in verschiedene Höhen, so dreht sich der Schirm samt seiner Last, wenn man will, dann auch im Kreis und das verdammt schnell. Da gibt es dieses Stück der Stones, „The Bitch“, es erzählt von der Droge Liebe. Wie üblich beginnt es mit einem typischen sich wiederholenden Riff des Gitarristen. Nach dem ersten Refrain übernehmen die Hörner dieses Riff und entwickeln es zu einem schillernden Geysir aus musikalischer Energie weiter. Ich schwöre, genau diese Stelle hörte ich, als wir in die Rotation gingen. Das Stück ist heute für mich unverrückbar mit diesen Erlebnissen verbunden und ich danke sowohl den Stones als auch Dieter und seinen Leuten für dieses unbeschreibliche Vergnügen. Noch sind wir nicht unten. Wir haben es auch nicht eilig. Schließlich sitzen wir auf dem Dach der Welt, sie liegt uns gewissermaßen zu Füßen. Geräusche werden deutlicher, die Temperatur ist wieder erträglich und wir nähern uns der Landung, für die der Master längst wieder die Steuerung übernommen hat. Am Ende passiert es, ich komme butterweich mit den Füßen auf dem Boden auf und der Schwung wirft uns ins Gras. „Ist dir was passiert?“ Dieter quält sich hektisch aus den Leinen. Ich weiß überhaupt nicht was er will. Mich durchströmt die blanke Freude und ein Gefühl von Freiheit, wie ich es vorher noch nie erlebte. Dieter meint, dass wir normalerweise bequem auf dem Hosenboden hätten landen müssen. „Tja mein Lieber, hättest du mich das letzte Stück lieber steuern lassen, dann wären wir auch sicher gelandet.“ Meine Anmaßung bringt ihn zum Lachen und ich setze übermütig noch eins drauf: „Wo ist das nächste Flugzeug und wer packt den Fallschirm?“ Das provisorische Einpacken des luftgeblähten Schirmes übernehmen wir gemeinsam, es geht schneller, als ich dachte. Bianca und Alexander kommen in der Nähe runter. Wir sind wieder beieinander, können beide lange nicht sprechen, stehen nur da und halten uns fest. Geli hat alles fotografiert und fährt uns zurück nach Saulgrub. Natürlich ist Stau hinter Ulm. Bianca und ich kümmert dies nicht, wir sind mit dem Verarbeiten von Gefühlen beschäftigt. Geli versteht das gut, so geht es ihr auch immer. „Sagt nur Bescheid, wenn ihr mal wieder springen wollt, ich fahre euch gern.“ Bei einem Eisbecher auf der Terrasse kommen wir am Nachmittag langsam wieder zur Besinnung. Die Hundchen freuen sich, dass wir zurück sind. „Schade, dass wir euch ein so schönes Erlebnis nicht vermitteln können.“ sagt die Hundenärrin. Den beiden ist das völlig egal, sie wollen jetzt auf die Wiese und dann gab es doch da noch die Tüte mit den Leckerlis in der Tasche gleich hier in der Nähe.
Danke Geli,
danke Dieter,
danke Alex.
Was bleibt, sind Erinnerungen, die einem niemand nehmen kann.
