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Inhalt

Meine Geschichte

Daisy Newsletter 12/10- Daisy Planet

Portrait Dr. Thomas KahlischMeinen Eltern verdanke ich das Interesse an Büchern. Da ich als Kind hochgradig sehbehindert war, lasen sie mir gern vor und motivierten mich, selbst zu lesen. Als ich in die Schule kam meldeten sie mich in der Hörbücherei der DZB an. Regelmäßig bekam ich die großen sperrigen Kartons mit Tonbändern und später Kassetten nachhause geschickt. Ungeduldig erwartete ich eine neue Lieferung und war enttäuscht, wenn das gerade gewünschte Werk nicht dabei war, weil es bereits jemand anderes ausgeliehen hatte. Nach meiner Erblindung mit 14 Jahren lernte ich Bücher und Zeitschriften in Braille-Schrift zu lesen. Als späterblindetem Menschen bereitete es mir große Mühe, die Punkte zu ertasten. Ich merkte aber schnell, dass Übung hier den Meister macht und erstaunt nahm ich zur Kenntnis, dass nach einigen Monaten der Übung, ich begann, in Braille zu denken und zu träumen. Zu dieser Zeit hätte ich mir niemals vorstellen können, einmal die Einrichtung zu leiten, die mir solche eindrücklichen Träume verschaffte.

Dresdner LesesaalNach einer Facharbeiterausbildung im IT-Bereich und einem erfolgreichen Universitätsstudium der Informatik arbeitete ich wissenschaftlich an der TU Dresden und promovierte 1998 auf dem Gebiet der Mensch-Computer-Interaktion. An der Universität unterstützten wir zahlreiche blinde und sehbehinderte Studierende. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter war ich u. a. für die Organisation der Lehrmaterialaufbereitung und einige kleine Forschungsprojekte zuständig. Braille-Schrift ist für mich unverzichtbares Arbeitsmittel. Auf der Braillezeile digitale Bücher zu Lesen und Dokumente zu bearbeiten ist dabei zur Selbstverständlichkeit geworden und stellt die Grundlage meiner eigenständigen Arbeitsweise dar.

In den Jahren meiner wissenschaftlichen Arbeit an der Universität besuchte ich viele Fachkongresse und Workshops. Aufgewachsen in einem geteilten Deutschland faszinierte mich der internationale Austausch mit Experten aus der gesamten Welt. Damit die Kommunikation noch besser funktionierte, nutzte ich viele Gelegenheiten, meine Englischkenntnisse zu erweitern. Heute blicke ich mit großer Freude auf zahlreiche Begegnungen mit Fachleuten aus der ganzen Welt zurück und organisiere selbst internationale Veranstaltungen.

Logo MedibusIm Jahr 1998 hatte ich auch meine ersten Berührungen mit der DAISY Technology. Elke Dittmer, die Präsidentin von MEDIBUS, der Dachorganisation der deutschsprachigen Bibliotheken für Menschen mit Lesebehinderungen, lud im April 1998 die DAISY Community zu einer Fachkonferenz nach Hamburg ein. Bereits zuvor hatte ich George Kerscher, Geschäftsführer des DAISY Konsortiums,  auf Kongressen kennengelernt und mit ihm über die hervorragenden Möglichkeiten einer auf SGML- später XML-basierten Dokumentenverarbeitung gesprochen, um die Büchernot blinder und sehbehinderter Menschen zu beseitigen. Mit wachsender Begeisterung verfolgte ich die Entwicklungen des DAISY Konsortiums, offene Internetstandards und Technologien für digitale sprechende Bücher einzusetzen. George und ich waren fasziniert von der Idee, das ein blinder Anwender ein für ihn zugängliches Text- und Audio-Buch einfach am PC mit Standard-Software lesen und bearbeiten kann.

1999 übernahm ich die Leitung der DZB und war hoch motiviert, gemeinsam mit Elke Dittmer, DAISY zum Hörbuchstandard in Deutschland zu machen. Die föderale Struktur Deutschlands, die Unterschiedlichkeit der in MEDIBUS zusammengeschlossenen Einrichtungen und eine gewisse Voreingenommenheit gegenüber neuer Technologien mancher Entscheidungsträger, stellten uns dabei vor große Herausforderungen. Heute, nach über 10 Jahren gemeinsamer Arbeit, haben die MEDIBUS-Bibliotheken, zusammen mit den Selbsthilfeorganisationen, neben der Braille-Schrift DAISY für jung und alt zum wichtigsten Informationsträger gemacht.

Ein beeindruckendes Erlebnis war für mich, dass ich im November 2004 ein kurzes Gespräch mit Bill Gates führen konnte  und ihn nach seiner Auffassung zum Thema: DAISY für den Massenmarkt und XML-basierte Dokumentenverarbeitung befragen konnte. Der damals von Microsoft ausgerichtete Kongress, weckte bei uns viele Erwartungen, von denen sich nicht alle erfüllt haben, die aber Motivation und Anstoß für viele Neuentwicklungen waren. Der DAISY-Zug fährt heute durch die ganze Welt und auch in Deutschland gibt es viele Orte, wo er anhält und Menschen mitnimmt.

Thomas Kahlisch bei der DAISY2009-Konferenz in LeipzigMit Stolz und großer Freude organisierten die Mitarbeiter der DZB Leipzig im Sommer 2009 eine ganze Veranstaltungswoche zum Thema DAISY. Viele internationale Gäste zeigten sich begeistert von DAISY2009 (www.daisy2009.de) und nahmen Anregungen für neue Projekte und Kooperationen mit nachhause.

In der DZB stellen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den verschiedenen Aufgaben der Informationsversorgung blinder und sehbehinderter Menschen. Ein großes Thema der letzen Jahre war die Verbesserung des Zugangs zu Braille-Noten für professionelle und Laienmusiker. Im Rahmen eines Entwicklungsprojektes DaCapo wurde eine Internet-basierte Lösung entwickelt, die es blinden Musikern erlaubt, individuelle Notenübertragungen in der DZB zu beauftragen und zeitnah auf Papier gedruckt oder digital zugeschickt zu erhalten. Ermutigt von diesen erfolgreich umgesetzten Übertragungsdienstleistungen arbeitet die DZB, Dank einer Förderung des Deutschen Bundes Ministeriums für Arbeit und Soziales, an einer Software, die eine semiautomatisierte Übertragung von Fach- und Sachbuchinhalten in DAISY, Braille-Schrift und Großdruck ermöglichen soll. Im Rahmen dieses Projektes Leibniz, arbeiten wir mit kommerziellen Verlagen zusammen, um Datenquellen einzusetzen, was die Übertragungsprozesse beschleunigen wird.

Braille21-LogoDAISY ist heute mehr als nur ein Hörbuchstandard, es ist der Schlüssel zum Wissen der Welt, der allen Menschen nützen kann.  Um den Traum von der Beseitigung der Büchernot wahr werden zu lassen, bedarf es noch vieler Anstrengungen, besonders im internationalen Raum. Seit 2007 arbeite ich in der IFLA Sektion der Bibliotheken für Menschen mit Lesebehinderungen mit und seit 2009 bin ich Mitglied des WBC (World Braille Concil), das von der WBU (Welt Blinden-Union) ins Leben gerufen wurde. Eine Aufgabe des WBC ist es, einen Weltkongress zum Thema Braille-Schrift zu  organisieren. Ermutigt durch DAISY2009 unterbreitete ich den Vorschlag, diesen Kongress in Leipzig auszurichten. Pete Osborne vom RNIB und andere Mitglieder des WBC unterstützten meinen Vorschlag und so wird es im September 2011 wahr  werden, das große internationale Event BRAILLE21 – Innovationen in Braille für das 21. Jahrhundert. Ich lade dazu alle Mitglieder, Freunde und Förderer der DAISY Gemeinschaft für den 27. bis 30. September 2011 nach Leipzig ein, siehe: www.braille21.net. Die Zeit ist reif, Brailles Punkte, die so vielen blinden Menschen dabei unterstützen, sicher in Wort und Schrift arbeiten zu können und eigenständig zu leben, mit dem inklusiven Design der DAISY-Technologie zu verschmelzen. Egal, ob ein Mensch das Wissen der Welt auf Papier oder auf digitalen Endgeräten wahrnehmen will, er muss uneingeschränkten Zugang dazu bekommen!