Sehr geehrte Damen und Herren,
herzlichen Dank, dass ich unter dieser so breit gefassten Überschrift die Gelegenheit bekomme, zu Ihnen zu sprechen. Ich tue dies in meiner ehrenamtlichen Funktion als Mitglied des DBSV-Präsidiums, als DAISY-Beauftragter unseres Verbandes und als stellvertretender Vorsitzender der Mediengemeinschaft für Blinde und Sehbehinderte MEDIBUS, von deren Vorsitzende, Frau Elke Dittmer, ich Sie herzlich grüßen soll. Sie weilt gerade in Down-Under auf der Mitgliederversammlung des DAISY- Konsortiums – und da sind wir doch schon mitten in unserem Thema.
Wenn man sich, wie ich, schon länger mit dem neuen Blindenbuchstandard DAISY befasst, dann droht sich der Zustand einer gewissen Betriebsblindheit einzustellen. Klar ist mir das beim Lesen eines Briefes der Baden-Württembergischen Landesverbände geworden, den MEDIBUS und der DBSV vor ca. 4 Wochen erhielten. Dort wurde angemahnt, dass endlich etwas passieren und die Medienversorgung in Deutschland besser geregelt werden müsse. Diese pauschale Aussage machte mir deutlich, wie dringend notwendig es ist, die Arbeit von MEDIBUS und des DBSV zu kommunizieren. Also los geht es!
Zum Stand 30. April 2007 weist der MEDIBUS-Katalog über 16.000 DAISY- und 50.000 Kassetten-Titel auf (www.medibus.info). Im Sommer wird neben dem vollständigen Hörbuchangebot auch der Zentralkatalog Punktschriftliteratur auf der Internetseite von MEDIBUS recherchierbar sein. Trotz der seit einigen Jahren ausbleibenden Neuproduktion aus dem Saarland und Baden-Württemberg werden pro Jahr ca. 1.200 neue DAISY-Bücher aufgesprochen und 500 Werke in die Brailleschrift übertragen. Parallel schreitet die DAISY-fizierung der Kassettenaltbestände voran. In Leipzig ist seit Dezember 2006 das Ausleihaufkommen an DAISY-Titeln bereits größer, als das der guten alten Kassette. Im Durchschnitt leihen in allen Bibliotheken ca. 30% der Nutzer digitale Werke aus. Die Nachfrage nach DAISY-Titeln steigt und dank eines unkomplizierten, wenn auch noch nicht perfekten Austauschverfahrens der Bibliotheken untereinander, sind Titel wie Bestseller aus der Buchreportliste bereits nach 6 Monaten ausleihbar für Blinde und Sehbehinderte. Früher dauerte die Kopie der Bänder schon mal ein bis zwei Jahre. Entgegen mancher Unkenrufe ist DAISY genau das richtige Medium für unsere älteren Literaturfreunde. Die Erfahrung zeigt: Wer einmal die eigenen Hände am PTN1 oder Victor angelegt hat, den überzeugen die Vorteile. Der Nutzer ist gern bereit umzusteigen. Wichtig dabei ist, den Menschen die neuen Geräte vorzustellen und sie mit den Nutzungsmöglichkeiten vertraut zu machen. Als Schulung lässt sich eine solche Einweisung nicht beschreiben, denn mit kurzer Erklärung und einer kleinen Übungsstunde am Gerät sind schnell alle Barrieren beseitigt und die Freude an den neuen Angeboten überwiegt. Und der Preis? Es ist wie immer im Reha-Bereich: Spezialtechnik kostet. Derzeit bemüht sich der DBSV die Abspielgeräte in den Katalog der von den Krankenkassen anerkannten Hilfsmittel aufnehmen zu lassen. Bleibt häufig der Trost, dass, wenn kein Nachteilsausgleich zur Verfügung steht, die Bibliotheksnutzung kostenfrei ist und die Geräte durch den entsprechenden Bedienkomfort gerade für die Anwender, die nicht mit PC-Technik vertraut sind, ein auf ihre Bedürfnisse abgestimmtes Angebot darstellen. Ich sage immer: „Ihrem Enkel schenken Sie möglicherweise einen iPod, der je nach Ausstattung 350 Euro kostet, da sollte ihnen ihre eigene Lebens- und Lesequalität auch etwas wert sein.“ Schöner wäre es natürlich, wenn die Preise weiter bis in den Discounterbereich fallen. Dass es aber ohne Spezialgeräte nicht geht, dürfte dem Beobachter des sich ständig verändernden Marktes von Audio-Abspiel-Systemen schnell klar sein. Welches System verdrängt gerade welches? Wie lange gibt es noch CDs? Wo sind die barrierefreien und ohne Computerchinesisch zu bedienenden handelsüblichen Endgeräte? Am Ende meines Vortrages werde ich dieses Thema noch einmal aufgreifen. Übrigens verdienen die Blindenbüchereien nichts an den DAISY-Abspielgeräten, sie verbreiten nur die Werbung für die neuen Angebote. Ein Grund für uns, enger mit den Vertreibern zu kooperieren. Dank "DAISY-Rent", einem Angebot des ehemaligen Kassettenanbieters KS-Cassetten, bekommt man jetzt DAISY-Qualität für 36 Euro drei Monate gewissermaßen zum Ausprobieren ins Haus. Nach Auskunft der Firma gibt es kaum Reklamationen und auch keine Rücktritte von Verträgen. Im Gegenteil, wenn ein solches Gerät einmal geleast ist, dann wird häufig nach kurzer Zeit gefragt, ob es für den Restwert gekauft werden kann.
Die Bibliotheksleiter haben zusammen mit dem MEDIBUS-Vorstand ein Zielpapier erarbeitet, das bis zur Mitgliederversammlung im Herbst 2007 weiter entwickelt werden soll. In Anlehnung an das große Ziel des DAISY-Konsortiums: „Jedes Buch, zur gleichen Zeit zum gleichen Preis für jedermann verfügbar zu machen“, ist es auch Anliegen von MEDIBUS, unbedingt die Angebotspalette entscheidend zu erweitern und dabei konsequent moderne digitale Medien einzusetzen. Die Wahrheit ist, professionelle analoge Aufnahme- und Kopiertechnik gibt es nicht mehr! Alle Blindenbüchereien haben ihre Produktionsabläufe weitestgehend auf den digitalen Weg umgestellt und es steht die drängende Frage, wie lange noch mit der vorhandenen, bereits verschlissenen und nicht mehr ersetzbaren analogen Technik Kassetten kopiert und ausgeliehen werden können? Die konkrete Antwort steckt im Zielsetzungspapier und wird als Beschlussvorlage der Mitgliederversammlung im September 2007 vorgelegt: Am 1. Januar 2010 endet die reguläre Kassettenausleihe gleichzeitig in allen MEDIBUS-Hörbüchereien. Bis zu diesem Zeitpunkt werden den Nutzern ca. 30.000 DAISY-Bücher zur Verfügung stehen. Selbstverständlich werden weiterhin die noch verbleibenden nachgefragten und wertvollen analogen Titel digitalisiert und nach und nach als DAISY-Bücher zugänglich gemacht. Um diesen Weg erfolgreich zu beschreiten, sind die folgenden Maßnahmen erforderlich:
Können Sie sich vorstellen, Hörbücher auf dem Handy anzuhören?
Hier zeige ich ihnen ein Beispiel, wie es funktionieren kann.
Was passiert, wenn trotz intensiver Bemühungen der Europäischen Blinden-Union (EBU), die Liberalisierung des Postmarktes zur Abschaffung des kostenfreien Versands von Blindensendungen führt? Wir müssen über Online-Angebote nachdenken. Das DAISY-Konsortium hat gerade eine entsprechende Arbeitsgruppe gebildet. In Neuseeland sind die Wege der Briefträger lang, es dauert bis zu einer Woche, um ein Hörbuch von der Stadt Auckland in die letzte Gemeinde zu einem blinden Hörer zu schicken. Wen wundert es da, dass gemeinsam mit der Firma HumanWare (Victor-Geräte) und der Neuseeländischen Blindenbücherei ein erster Online-Service von DAISY-Büchern vorgestellt wurde.
Wann wollen Sie den Spiegel oder die Zeit lesen, an dem Tag, wenn die Zeitschrift am Kiosk liegt oder zwei Tage später, wenn die kopierte CD in ihrem Briefkasten ankommt? Die Aufsprache ist am Erscheinungstag um 16 Uhr abgeschlossen, somit technisch kein Problem, die aktuelle Ausgabe am Nachmittag wie in einem Podcast-Abo auf seinem mobilen DAISY-Spieler zu haben. Dafür müssen die juristischen, technischen und administrativen Voraussetzungen geschaffen werden.
Wo wollen Sie ihr Lieblingshörbuch hören, im Wohnzimmer, in der Straßenbahn oder am Strand? Und wie lange wollen Sie darauf warten? DAISY muss übermorgen überall verfügbar werden, die Inhalte müssen zeitnah und kostengünstig auf verschiedene Abspielgeräte gebracht werden. Um diesen großen Schritt morgen tun zu können, müssen wir heute handeln, gemeinsam in einem Netzwerk, welches unsere Erwartungen an die Zukunft tragen kann.
In diesem Jahr brauchen wir den einheitlichen MEDIBUS-weit angewendeten DAISY-Buchstandard, an dem in den Blindenbüchereien gerade gearbeitet wird. Kurzfristig müssen wir uns den Themen „vollständige Umstellung auf ausschließlich digitalen Service“ und „DAISY-Buchausleihe auf Speicherkarten für Milestone und Co.“ stellen. Langfristig bringen uns diese Arbeiten immer mehr in die Entwicklung zentraler übergreifender Lösungen, die wir für die in der Zukunft anstehende Online-Verbreitung von Büchern und Zeitschriften unbedingt brauchen.
Diesen Weg gemeinsam weiter konsequent zu verfolgen heißt, die Arbeit aufzuteilen, die kleineren Einrichtungen mitzunehmen und neue Strukturen zu schaffen, wenn sie gebraucht werden, und nicht durch Eifersüchteleien und unprofessionellen Umgang miteinander den Ast abzusägen, auf dem wir sitzen.