Schwedische und japanische Experten weisen Anfang der 90er Jahre darauf hin, dass die fortschreitende Digitalisierung im Medienbereich auch zu großen Chancen und Herausforderungen in der Arbeit von Blindenbüchereien führt. Bevor das Ende der analogen Aufnahme- und Wiedergabetechnik in greifbare Nähe rückt, initiieren sie über die Spezialsektion für Blindenbibliotheken der IFLA eine umfangreiche Studie zu Nutzeranforderungen und technischen Möglichkeiten digitaler Abspielgeräte.
1996 gründet sich das DAISY Consortium (www.daisy.org) und stellt erste Testgeräte vor, die ausloten sollen, was technisch realisierbar und nutzerfreundlich in der Anwendung ist. Zu dieser Zeit glauben nur wenige der Tester und Begutachter, dass es nur wenige Jahre dauern wird, eine neue Gerätegeneration mit behindertengerechten und komfortablen Benutzungseigenschaften weltweit zu etablieren. Der Zeitdruck entsteht dabei nicht aus den Spezialbibliotheken heraus sondern wird, durch den rasanten Wandel der Medienwelt, basierend auf der Entwicklung computergestützter Informationssysteme hervorgerufen. Was 30 Jahre zuverlässig funktionierte und Dank eines breiten Angebotes an Kassettentechnik für jedermann verfügbar war, wird schnell zu einem bedeutungslosen Marktsegment, das von vollmundigen Industrieversprechungen auf unbegrenzte Haltbarkeit wie bei der CD und Miniaturisierung wie bei der Minidisk - wer spricht heute noch davon - verdrängt wird.
Parallel zu den digitalen Angeboten im Heimsektor entwickeln sich in den 90er Jahren die Möglichkeiten blinder Anwender, mittels eines PCs Informationen via Braillezeile, Sprachausgabe und Großschriftsystem zu erschließen und eigenständig sowohl beruflich als auch im privaten Bereich im Internet zu arbeiten. Es ist dabei völlig klar, dass die neue digitale Medienwelt aber nicht allein über den PC an die größtenteils älteren blinden und sehbehinderten Menschen kommen kann. Auf folgende Fragen muss eine Antwort gefunden werden: Welche Heimelektronik wird sich durchsetzen? wie kann diese von Menschen mit erheblichen Seheinschränkungen genutzt werden? Wo sind Format und Technik, die bestand haben und geeignet sind, zum Träger der wertvollen Buchbestände zu werden?
Diesen Fragen stellt sich das DAISY Consortium im April 1998 auf ihrer Mitgliederversammlung und einer internationalen Fachtagung, die anlässlich des 40 Jährigen Bestehens der Norddeutschen Blinden-Hörbücherei in Hamburg durchgeführt werden. Der neue DAISY Geschäftsführer, der selbst blinde IT-Experte George Kerscher, unterbreitet mit Unterstützung anderer auf der Tagung Vorschläge die aus DAISY „Digital Audio Information System“ ein „Digital Accessible Information System“ – ein breiter in der Anwendung konzipiertes zugängliches digitales Informationssystem - machen sollen. Die neuen Vorschläge verfolgen das Ziel, basierend auf den speziellen Anforderungen der Benutzer ein Konzept zu entwickeln, das sich mit der Informationstechnologie weiter entwickeln kann, ohne sich ausschließlich auf ein Medium, ein Verfahren oder einen Hersteller und damit verbundene Produkte festzulegen. Die Experten verfolgen damit den Ansatz, offene und sich ständig weiterentwickelnde Technologien vor allem auf Basis von XML zu verwenden, ihre Anwendungen den Bedürfnissen der speziellen Benutzergruppe anzupassen und die Industrie dafür zu gewinnen, entsprechende Produkte auf den Markt zu bringen bzw. in Produkten für den Massenmarkt barrierefreie Anwendungen zu integrieren.
Im Hamburg werden der DAISY Standard v. 2 präsentiert –in dem dass neue Konzept realisiert ist - und der erste Victor Player aus Kanada gezeigt, der komfortable und einfach für jedermann ohne Computerkenntnisse zu bedienen ist. Denkwürdig ist auch der Tagungsbeschluss, eine schwedische Firma mit der Entwicklung der ersten Aufnahmesoftware zu betrauen. Die Beta-Tester in den Bibliotheken der Welt bekommen so manches graues Haar bei dem Versuch, mit den ersten Versionen des Programms zu arbeiten und es dauert noch gute zwei Jahre, bis eine ernsthafte DAISY-Buchproduktion in den Blindenbüchereien möglich wird. Der eingeschlagene Weg auf offene Internetstandards auf Basis XML zu setzen wird Anfang des neuen Jahrhunderts kontinuierlich ausgebaut. So wird der Standard noch einmal angepasst und zum derzeit verbreiteten DAISY V. 2.02, in dem heute weltweit bereits über 200.000 Bücher verfügbar sind und sichergestellt ist, dass sich DAISY weiterentwickeln kann. Die bislang geschaffenen Möglichkeiten das gesprochene Wort mit Text zu verknüpfen und die Überschriften sowie Seitenzahlen und Fußnoten ansteuerbar zu machen, reichen jedoch allein nicht aus, wenn man daran denkt, Schulbücher, Sach- und Fachtexte oder sogar wissenschaftliche Publikationen barrierefrei aufzubereiten. 2004 legen die DAISY Experten den ersten Entwurf des DAISY v. 3 Standards vor, mit dem Buchinhalte aller Art multimedial barrierefrei angeboten werden können. Bis zur Realisierung erster DAISY v. 3 Anwendungen wird es jedoch noch einige Jahre dauern, die mit vielen anderen Arbeitsaufgaben ausgefüllt sind.
Gleichzeitig mit der Etablierung der Neuproduktion von DAISY-Titeln in den Studios Land auf und ab ist bei der Einführung der digitalen Hörbuchgeneration sicherzustellen, dass die umfangreichen analogen Hörbuchbestände auf Offenspule oder Masterkassette in das neue Format gebracht werden. Ein nicht zu unterschätzender Aufwand der zusätzlich, zu den eigentlichen Aufgaben einer Hörbücherei zu leisten ist. Dies ist um so wichtiger, da Dank des Auftauchens von PTR1 und PTN1 und des Milestones die Nachfrage wächst und die Preise der Abspielgeräte endlich sinken. Das an Dynamik gewinnt ist der Prozess des Umstiegs, der Kassettenhörer auf das neue Format und der Einsatz der speziellen praktischen Wiedergabetechnik, deren Benutzung keinen Computerführerschein erfordert. Zwar locken zwischenzeitlich preisgünstige MP3 CD-Player, von der kostenintensiven Beschaffung eines DAISY-Spielers Abstand zu nehmen, jedoch zeigt der Markt sehr schnell, dass solche Geräte von noch kleineren Spielern verdrängt werden, die ihre Inhalte über den PC direkt aus dem Internet holen, und preisgünstig nicht immer etwas mit Leistungsfähig zu tun hat. Die Selbsthilfe und die Hörbüchereien werben deshalb für die speziellen und nach den Bedürfnissen der Hörer gestalteten Geräte.
Die in MEDIBUS zusammengeschlossenen Bibliotheken im deutschen Sprachraum tauschen ihre Titel untereinander aus, stellen 2008 einen gemeinsamen Onlinekatalog für Hör- und Punktschriftwerke zur Verfügung und verständigen sich mit Unterstützung des DBSV darauf, die Kassettenausleihe deutschlandweit zum ende des Jahres 2009 zu beenden und bis zu diesem Zeitpunkt etwa 30.000 DAISY-Titel (digitalisierter Altbestand und Neuproduktionen) in der Ausleihe deutschlandweit anbieten zu können. Neben dem Veröffentlichungsjahr des DAISY v. 3 Standards, welcher heute bereits Anwendung in der barrierefreien Aufbereitung von Schulbuchliteratur u. a. in den USA und den skandinavischen Ländern findet, ist 2004 auch der Zeitpunkt, in dem die Firma Microsoft beginnt, die Arbeit der Blindenbibliotheken der Welt zur Kenntnis zu nehmen, siehe Gegenwart 01/2005. Nach einem zunächst zögerlichen Anlauf gemeinsamer Projekte, erklärte der Softwareriese im vergangenen Jahr erstmals offiziell seine Absicht, den DAISY Standard zu unterstützen und entsprechende Werkzeuge als offene Technologie zur kostenfreien Nachnutzung anzubieten. Ist auch noch großes Fachwissen erforderlich, um heute aus einem Office-Dokument ein DAISY-Buch entstehen zu lassen, so ist das im Mai 2008 vorgestellte Programm „Save as DAISY“ doch ein Meilenstein in der Entwicklung assistiver Technologien, der in Seiner Signalwirkung große Auswirkungen auf die zukünftige Entwicklung haben wird. Behörden, Autoren und Verlage, ja jeder Informationsanbieter, der Mit Microsoftprodukten Dokumente erstellt, wird in die Lage versetzt, seine Informationen unmittelbar barrierefrei zur Verfügung zu stellen. Wird dieser technische Ansatz weiter verfolgt und auf andre Produkte ausgedehnt, so kann die Lücke in der Informationsversorgung von Menschen mit Leseeinschränkungen in den nächsten Jahren erheblich reduziert werden.
Der Trend, Techniken und Verfahren zur Barrierefreiheit unmittelbar in Informationstechnologien sowie in deren Anwendungen und Produkte des Massenmarktes einzuarbeiten ist sichtbar, politisch gewollt und sinnvoll, wenn man den postulierten Wandel vom Wohlfahrtsstaat zur aktiven Teilhabe behinderter Menschen an den gesellschaftlichen Prozessen ernst meint. Für DAISY ergeben sich dabei eine ganze Reihe von Chancen und Herausforderungen, die über die traditionellen aufgaben der Blindenbüchereien weit hinaus gehen:
Das DAISY Consortium und die Sektion der Blindenbibliotheken der IFLA haben sich als ehrgeiziges Ziel ihrer Arbeit die Errichtung einer globalen Bibliothek für Personen mit Leseeinschränkungen gesetzt. Neben vielen technischen Fragestellungen sind zur Umsetzung dieses Vorhabens komplexe Fragen des internationalen Urheberrechtes, des Informationsaustausches zwischen verschiedenen Staaten und der Einbindung global agierender Unternehmen wie Google zu berücksichtigen. Für die in MEDIBUS zusammengeschlossenen Blindenbüchereien im deutschen Sprachraum bedeutet dies, neben einer verstärkten Internationalisierung der Arbeit, den Kontakt zu VW-Wort und Börsenverein des Deutschen Buchhandels zu suchen, um in Fragen des Urheberrechtes voran zu kommen und mit geeigneten Partnern bei der Realisierung digitaler Produktions-, Archivierungs- und Distributionstechnologien zu kooperieren. Die größte Herausforderung liegt dabei in der Schaffung effektiver und kostengünstiger Verfahren, die sicherstellen, dass die Informationen schneller und in einem größeren Umfang in hoher Qualität den Nutzern in den für sie geeigneten Medienarten zur Verfügung gestellt werden.