Das internationale Komitee ICADD (International Committee for Accessible Document Design) ist eine Organisation, welche die Möglichkeiten des Zugangs zu elektronisch gespeicherten Dokumenten, für Menschen, die Gedrucktes nicht lesen können, untersucht und verbessern möchte. In der Organisation sind Wissenschaftler, Vertreter von Unternehmen und engagierte Einzelpersonen tätig.
Zu Beginn diesen Jahres (1995) rief der amtierende Leiter von ICADD, Mike Paciello, interessierte Organisationen und Einzelpersonen dazu auf, sich um die Mitgliedschaft im Komitee zu bewerben. Dieser Aufruf ist als Anlage A1 diesem Beitrag beigefügt.
Um den Zugang von Menschen, die Gedrucktes nicht lesen können, zu elektronischen Dokumenten sicherzustellen, setzt ICADD auf die strikte Anwendung international akzeptierter Standards. Ziel ist es dabei nicht, eigene Standards zu entwickeln, sondern vorhandene oder in der Entwicklung befindliche Standards mit zusätzlichen Festlegungen oder Empfehlungen zu versehen. Diese auch als Richtlinien bezeichneten Festlegungen können in konkreten Projekten umgesetzt werden - siehe Absch. 3.
Im Jahr 1994 gelang es ICADD in dem durch die ISO (International Standard Organisation) verabschiedeten Standard ISO 12083 [1], Richtlinien für die automatische Erzeugung von Braille- und Großdruck sowie Sprachausgabe [2] elektronisch publizierter Dokumente aufzunehmen. Die Richtlinien sind als Anlage A2 diesem Bericht beigefügt.
ISO 12083 enthält Festlegungen zur Definition und Auszeichnung von elektronisch publizierten Artikeln, Büchern und Reihen, die von internationalen Verlagen eingesetzt werden. Der Standard basiert auf der Anwendung von SGML (Standard Generalized Markup Language), definiert in der ISO 8879 [3] [4].
SGML ist ein Konzept, das die Struktur von Informationen beschreibt und auf die Spezifikation von layoutorientierten Informationen verzichtet. Dazu werden dem Anwender Mechanismen zur Definition und zur Überprüfung von Dokumentstrukturen bereitgestellt.
Ihrer Struktur nach markierte bzw. ausgezeichnete Dokumente können mittels spezieller Formatierungsprogramme in unterschiedlichste Formate konvertiert werden. Dabei ist es verhältnismäßig einfach möglich, das Originaldokument mit einem Formatierer für die Ausgabe auf dem Laserdrucker und mit einem anderen für die Ausgabe auf einem Brailledrucker aufzubereiten.
Setzen Verlage SGML und darauf aufbauende Standards zum elektronischen Publizieren ihrer Informationen ein, so ergeben sich daraus gute Ansatzpunkte, diese Daten mit verhältnismäßig geringem Aufwand in unterschiedliche sehgeschädigtengerechte Formate zu konvertieren.
Der zeitaufwendige Prozess des Scannens von gedruckten Texten kann damit entfallen.
Im Umfeld des ICADD Komitees sind eine Reihe von Initiativen und Projekten aktiv, die die Nutzung von SGML forcieren und praktische Anwendungen entwickeln.
Die folgende Aufzählung ist nicht vollständig, sie gibt nur einen Überblick über in diesem Bereich laufende Aktivitäten:
Die im Standard ISO 12083 definierten Richtlinien sind geeignet, in SGML-kodierte Dokumente in ein oder mehrere sehgeschädigtengerechte Formate zu übertragen. Die Richtlinien sind bislang nicht für die Wiedergabe von Tabellen, mathematischen Ausdrücken und Grafiken geeignet. Aktuelle Entwicklungen im Internet, insbesondere das Informationssystem World Wide Web [6], geben Anlass, über die Weiterentwicklung der Richtlinien nachzudenken. Im Folgenden sollen einige Ansätze dazu kurz diskutiert werden.
In einer DTD (Document Type Definition) werden die Strukturelemente einer Dokumentklasse definiert. Diese Definition erfolgt in einer formalen Beschreibung, die im Standard ISO 8879 SGML festgelegt ist.
ICADD hat eine einfach strukturierte DTD 'ICADD22 DTD', siehe Anlage A4, für eine Dokumentklasse Buch definiert und die oben erwähnten Richtlinien darauf abgestimmt. Die Struktur der Elemente der ICADD22 DTD ist so konzipiert, dass sie ein Erstellen von in Braille gedruckten Büchern und Artikeln ermöglicht.
Dieser Artikel ist zu Anschauungszwecken nach der ICADD22 DTD ausgezeichnet worden. Das Ergebniss finden Sie hier.
Sollen komplexere Dokumentenstrukturen in der ICADD22 DTD wiedergegeben werden, können sich Komplikationen ergeben. Beim Abbilden einer komplex strukturierten Information in ein einfacheres Format kann es zu Informationsverlusten kommen. Dies steht jedoch im Widerspruch zu der Aussage, dass Blinde und Sehbehinderte einen Anspruch auf alle verfügbaren Informationen haben.
Bevor auf aktuelle Lösungsansätze eingegangen wird, soll hier folgendes nochmals hervorgehoben werden:
Die ICADD22 DTD in Kombination mit den, im Standard ISO 12083 definierten, Richtlinien zur Übertragung von elektronischen Dokumenten in Brailleschrift, Großdruck und Sprachausgabe stellt einen leistungsfähigen Ansatz zur Lösung dieses Problemes dar. Die Mehrzahl der publizierten Dokumente ist einfach strukturiert und kann über die ICADD22 DTD blinden bzw. sehbehinderten Menschen zugängig gemacht werden. Durch die Verwendung des standardisierten Strukturauszeichnungsprinzips von SGML ist eine Erweiterung des Konzeptes für komplexere Anwendungen möglich.
Dieses Thema kann hier in keiner Weise vollständig behandelt werden. Lediglich die sich abzeichnenden Entwicklungen werden kurz vorgestellt. Eine Wertung dieser ist ebenfalls nicht möglich, da die Projekte noch nicht abgeschlossen sind und einer gewissen Dynamik unterliegen.
Die Wiedergabe von Tabellen wird durch eine Erweiterung der ICADD22 DTD versucht. In die DTD wurden die dafür notwendigen Erweiterungen bereits integriert. Ist die für die Anwendung der ICADDTAB DTD benötigte Software fertiggestellt, so dürfte dieses Problem als gelöst angesehen werden.
Zwei Ansätze zum Zugang zu Dokumenten mit mathematischen Ausdrücken sollen hier kurz aufgezeigt werden. Dabei muss nochmals hervorgehoben werden, dass das Thema in diesem Beitrag nicht umfassend dargestellt werden kann.
Aster ist ein auf die Benutzung einer Sprachausgabe ausgelegtes Lesesystem, das von T.V. Raman an der University of Cornnel entwickelt wurde, siehe Anlage A5. Es ermöglicht dem Nutzer, sich den Text (LaTeX Dokumente) in strukturierter Form anzuhören.
Beispielsweise wird beim Auftauchen einer Formel zunächst nur angesagt, dass es sich um einen mathematischen Ausdruck handelt. Der Nutzer kann das System daraufhin veranlassen, den Inhalt dieses Ausdruckes anzusagen. Ist dieser selbst sehr komplex, so wird die Struktur nochmals in Unterstrukturen zerlegt (z. B. ein Bruch wird in Zähler und Nenner untergliedert). Auf der untersten Strukturebene werden die einzelnen Formelzeichen und Symbole angesagt. Es ist möglich, zwischen den Strukturebenen beliebig zu wechseln.
Auf einem Workshop "Math and Science Workshop" im Service Zentrum Recordings for the Blind wurde Aster 1994 vorgestellt, siehe Anlage A6. Es wurde beschlossen, das System in den folgenden Punkten zu erweitern:
Dieses Projekt wurde im Abschnitt 3 bereits kurz vorgestellt [5]. Zwei Fragen stehen bei den Arbeiten im Vordergrund.
Einerseits soll untersucht werden, wie Mathematik über modernes Computerequipment blinden Menschen zugängig gemacht werden kann. Andererseits ist zu untersuchen, wie die zumeist präsentationsorientierten Mathematik DTDs der Verlage in ein sehgeschädigtengerechtes Format gebracht werden können.
Das WWW (World Wide Web) ist ein modernes Informationssystem, welches über das größte Computernetzwerk der Welt, das Internet, angeboten wird. Es gestattet dem Nutzer auf multimediale Hypertextdokumente zuzugreifen [6], siehe Anlage A7.
Die Hypertextdokumente erlauben es dem Nutzer, sich von einem Dokument zu einem anderen zu bewegen. Dazu muss lediglich den in den Dokumenten integrierten Verweisen (Links) durch Drücken einer Taste oder per Mouseclick nachgegangen werden.
Ein Programm, welches Hypertextdokumente des WWW's anzeigen kann, wird als Browser bezeichnet. Der im Internet z. Z. am weitesten verbreitete Browser ist MOSAIC. Dieses Programm ist auf den grafischen Benutzungsoberflächen X- Windows und MS-Windows verfügbar.
Über das WWW angebotene Dokumente sind in der Regel in HTML (Hypertext Markup Language) kodiert. HTML ist in der Version 2.0 als Internet Draft der IETF (Internet Engineering Task Force) in einer dem SGML Standard entsprechenden DTD 'HTML 2.0 DTD' spezifiziert [7]. Ein Dokument das nach HTML 2.0 ausgezeichnet ist, kann Dokumentstrukturen enthalten wie:
In die HTML 3.0 DTD werden Strukturelemente für die Darstellung von Tabellen sowie mathematischer Ausdrücke integriert.
Das WWW kann auch von blinden Menschen mit dem Programm LYNX, unter den Betriebsysstemen MS-DOS und UNIX, genutzt werden. LYNX ist für zeichenorientierte Terminals entwickelt und zeigt die über das WWW angebotenen Texte an. In den Text eingebundene Grafiken können mit diesem Programm nicht dargestellt werden. Das Programm kennzeichnet nur die Position im Dokument, an der sich eine Grafik befindet. Ist die Grafik mit einem Kommentar versehen, so wird er dem Nutzer angezeigt. Auf diese Weise lassen sich Grafiken im WWW einfach beschreiben und somit auch blinden Nutzern einfach zugängig machen.
Der im Abschnitt 3. kurz vorgestellte Service von Jeff Suttor erlaubt es, ein HTML Dokument in amerikanische Blindenschrift zu übersetzten. Hierzu wurde die HTML 2.0 DTD mit den im ISO 12083 enthaltenen Mechanismen versehen. Die IETF hat sich entschlossen, diese Mechanismen (ICADD attributes) in die nächste Version ihres Internet Drafts der HTML 2.0 aufzunehmen. Im folgenden Abschnitt sollen die Vor- und Nachteile dieses Konzeptes kurz dargestellt und einige weitere Lösungsansätze diskutiert werden.
Die ICADD22 DTD ermöglicht das Auszeichnen bzw. Formatieren einfacher Bücher. Die einfache Struktur dieser DTD besitzt nur wenig Freiräume für spezielle Anwenderwünsche. Eine flexiblere Strukturierung der DTD wäre in einer weiterentwickelten Version möglich. Die Entwickler weisen hierzu jedoch auf zwei wichtige Punkte hin:
Folgt man dieser Argumentation, so wird nur um so deutlicher, dass das Konzept für komplexere Anwendungen weitergedacht werden muss.
Bei einem Vergleich der ICADD22 DTD mit der HTML 2.0 DTD zeigt sich, dass die Struktur beider Definitionen sehr ähnlich ist. Dabei besitzt HTML jedoch mehr Möglichkeiten, spezielle Wünsche der Anwender zu berücksichtigen.
Als ein weiterer Vorteil von HTML ist das flexible und leistungsstarke Konzept des Hypertextes hervorzuheben. Dieser Vorteil ist jedoch nur in computergestützten Lesesystemen, wie einem HTML-Browser, vollständig anzuwenden.
Die folgenden Punkte fassen die Vorteile von HTML nochmals zusammen:
Wie bereits beschrieben, ist es mit dem zeichenorientierten HTML-Browser LYNX möglich, HTML- Dokumente auf der Braillezeile anzuzeigen oder durch eine Sprachausgabe anzusagen. LYNX besitzt jedoch einige Nachteile, die die Entwicklung neuer leistungsfähiger HTML/SGML basierter Lesesysteme notwendig machen.
Diese noch zu entwickelnden Systeme sollten in den folgenden Punkten über die Funktionalität eines einfachen textorientierten Lesesystemes hinausgehen:
Die zunehmende Akzeptanz von HTML/SGML bei den Verlagen führt zu weiteren Standardisierungsbemühungen. Ein wichtiger Punkt dabei ist, die möglichst flexible Gestaltung des Layouts von HTML- bzw. SGML-Dokumenten zu erreichen. Hierbei wird über den Entwurf sogenannter Style Sheets für HTML-Dokumente nachgedacht. Diese Ansätze werden sich in den nächsten Jahren in konkreten Softwareprodukten wiederspiegeln.
Zum aktuellen Zeitpunkt wird intensiv im Internet diskutiert und entwickelt. Der Zeitpunkt ist also sehr günstig, die Interessen von Menschen, die Gedrucktes nicht lesen können, mit in die Diskussion einzubringen.
Mit Sicherheit lassen sich mit den oben aufgeführten Ansätzen nicht alle Probleme des Zugangs zu elektronisch publizierten Dokumenten für Menschen, die gedruckten Text nicht lesen können, lösen. SGML stellt jedoch ein sich zunehmender Akzeptanz erfeuendes Konzept dar, das viele Ansatzpunkte bietet.
Inwieweit HTML in der eingeschworenen Internet Gemeinschaft weiterentwickelt und standardisiert wird, ist nicht exakt vorauszusagen. Z. Z. sind die konkreten Vorschläge jedoch sehr vielversprechend und zeigen genügend Möglichkeiten auf, behinderte Menschen nicht von dem so viel gepriesenen Datenhighway abzuschneiden.
Wie sich in den bislang bearbeiteten Projekten gezeigt hat, bedeutet der Einsatz des Computers nicht, dass auf traditionelle Verfahren und Konzepte, z. B. Blindenkurzschrift, verzichtet werden muss. Hier erscheint die geschickte Kombination bewährter traditioneller Konzepte mit neuen Kommunikationsmöglichkeiten der geeignete Weg in die zukünftige Informationsgesellschaft.